Kiezagenten gegen Extremismusklausel

Nachfolgend dokumentieren wir einen offenen Brief der Kreuzberger Kiezagenten an das Bundesfamilienministerium. Es geht um die „Demokratieerklärung“ die von Initiativen unterzeichnet werden soll die Bundesmittel zur Finanzierung ihrer Aktivitäten beantragen. Die in dem Brief formulierte Forderung nach Abschaffung dieser Erklärung wird von der DKP Friedrichshain-Kreuzberg voll unterstützt.

Gangway e.V.
Straßensozialarbeit in Berlin
– Kreuzberger Kiezagenten – Team Kreuzberg

Berlin, 29. April 2011

Offener Brief der LAP Kiezagenten Berlin-Kreuzberg zur „Extremismusklausel“

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,
sehr geehrte Frau Bundesministerin Dr. Kristina Schröder,
sehr geehrter Herr Bundesminister Dr. Hans-Peter Friedrich,

wir sind Jugendliche aus Berlin-Kreuzberg und leben am Mehringplatz, einem
sogenannten „sozialen Brennpunkt“ in Kreuzberg. Seit letztem Jahr engagieren wir
uns bei der Förderung und Umsetzung von kleinen Projekten für bessere
Möglichkeiten in unserem Kiez und Bezirk für „Vielfalt, Toleranz und Demokratiegegen
Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“.

Als ausgebildete Kiezagenten haben wir andere Jugendliche im öffentlichen Raum, in
Schulen und Jugendeinrichtungen sowie Sozialpädagogen/ Erzieher angesprochen
und diese ebenfalls mit den Inhalten und Zielen des Lokalen Aktionsplans
Friedrichshain-Kreuzberg vertraut gemacht und sie über die Möglichkeit, Projekte
schnell und einfach umzusetzen, informiert und beraten. Darüber hinaus haben wir
auch ein Projekt beantragt und erfolgreich umgesetzt.

Bisher sind wir noch nie in Berührung mit solchen Projekten und deren Umsetzung
gekommen. Das war Neuland für uns. Aber durch die ganze Arbeit haben wir mit
sozialpädagogischer Anleitung gelernt, wie man auf fremde Menschen zugeht, ohne
sich zu schämen und wie wir – in selbst gewählten Teams – andere Jugendliche
ansprechen und für die Projektidee begeistern können. Während der Gespräche und
Diskussionen mit den Jugendlichen und Erwachsenen haben wir Denkprozesse in
Gang gesetzt und Vorurteilen entgegengewirkt. Und das auf beiden Seiten. Denn
auch Erwachsene haben ab und zu Vorurteile gegenüber Jugendlichen mit
Migrationshintergrund und sind dann plötzlich ganz überrascht, dass man sich ganz
normal mit uns unterhalten kann.

Aber auch wir als Kiezagenten haben dazu gelernt. Uns hat dieses Projekt persönlich
viel gegeben. Nicht nur dass wir unser Engagement mit in unsere Bewerbungen
legen können und uns das dann noch mehr hilft, eine Ausbildungsstelle zu
bekommen, sondern es hat uns großen Spaß gemacht und wir haben das Gefühl
bekommen, etwas bewegen zu können.

Im Gegensatz zu der „Extremismusklausel“ ging und geht es in unserer Arbeit als
Kiezagenten um Vertrauen und den unvoreingenommenen Kontakt zu den
Jugendlichen in Kreuzberg. Wir können doch keinen untersuchen oder ausspitzeln
und sagen „…Du darfst und Du darfst nicht. Ich glaube, Du bist ein Extremist…etc.“.
Das geht doch nicht. Dann will doch keiner mehr mit uns arbeiten, wenn er weiß,
dass wir ihn von vornherein beschuldigen, dass er/sie extremistische Strukturen
unterstützt, obwohl das in den meisten Fällen bestimmt nicht so ist. Oder besser
noch „…werden auch wir verdächtigt“? Wir haben nichts zu verheimlichen, aber was
ist das denn für ein Arbeiten ohne Vertrauen?

Wir als Kiezagenten haben das gleiche Ziel wie die Jugendlichen, die die Projekte im
Kopf haben und umsetzen wollen. Wir wollen damit Entwicklungen anschieben,
Demokratie und Toleranz fördern und die einzelnen Talente der Jugendlichen in
Kreuzberg stärken und auch ihnen das Gefühl geben, etwas bewegen zu können.

Wir haben 2010 die Projekte gefördert und eine gute Arbeit gemacht. Es ist alles gut
gelaufen und wir sind uns sicher, dass es dieses Jahr 2011, im Sinne von „Toleranz
fördern – Kompetenz stärken“, genauso gut läuft. Wir möchten uns auch dieses Jahr
unbedingt für diese Themen engagieren. Dazu brauchen die jugendlichen
Antragsteller unser Vertrauen und wir brauchen das Vertrauen der PolitikerInnen.

Wir als Kiezagenten bitten Sie daher und fordern Sie auf:

dass die Unterschrift für die Demokratieerklärung nicht zur Bedingung für eine
Förderung aus dem Bundesprogramm wird und dass die Absätze 2 und 3
ersatzlos gestrichen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Kevin Idah – Kiezagent (18 J.)
Ayman Ben – Kiezagent (18 J.)
Salah Habib – Kiezagent (18 J.)
Hamad Ali EL-Chafei – Kiezagent (15 J.)