Pressemitteilung der Wrangelkiez-Initiative zur Absage der BMW- Werbeveranstaltung am Spreeufer.

Das BMW-Gentrifizierungs-Lab ist Teil des Problems, nicht seiner Lösung
Ein paar Richtigstellungen zur medialen Hetze

Die BMW-Image-Designer biedern sich im Kiez an. Kastanienallee,  
Pfefferberg und Kreuzberg gehen auf Distanz, dem LKA schwant  
Schlimmes, BMW lässt die Presse berichten, als sei ein Rechtsbruch  
bewiesen. So wird Kritik und politisches Engagement kriminalisiert und  
obendrein seitens der „Volksvertreter“ als dumpf abgestempelt! Nun  
rätselt der schwerfällige BMW-Denk-Panzer seit Tagen, wie die  
verärgerten Gäste ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung  
(Cuvrystrasse) -also die von willkürlicher Mietsteigerung und  
Verdrängung betroffenen oder bedrohten AnwohnerInnen, die  
KritikerInnen eines unsozialen Mietrechts, die von BMW-Banalitäten  
enttäuschten KunstliebhaberInnen und die kritische Öffentlichkeit-  
ein weiteres Mal zu täuschen und beleidigen seien. Schluss damit!

BMW verfolgt mit dem „Lab“ einfach nur eine neue Art von Marketing-
Strategie (nachzulesen im Interview des Manager-Magazins mit dem BMW-
Marketingchef Ellinghaus http://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/0,2828,771500,00.html)
Zitat: „Wir haben es hier mit einem interessierten, aufgeschlossenen  
Publikum zu tun, das wir mit traditionellem Marketing und  
herkömmlichen Kommunikationskanälen immer weniger erreichen. All  
jene, die ganz definitiv keine Autozeitschriften lesen und die sich  
weniger für Fernsehen, Print und andere traditionelle Medien  
interessieren. Diese Menschen erreichen wir mit Veranstaltungen  
außerhalb der üblichen Terrains einer Premiummarke wie beispielsweise  
dem Golfsport. Mit der Experiential branding-Strategie, und ganz  
konkret mit dem BMW Guggenheim Lab, möchten wir jene ansprechen, die  
heute vielleicht noch keine besondere Affinität zur Marke BMW haben.  
(…) Natürlich erhoffen wir uns positive Abstrahlungseffekte auf die  
Marke BMW und auf das Unternehmen. (…) Bislang war BMW die Marke für  
aufstrebende, für junge, für dynamische Menschen. Jetzt möchten wir  
bewusst zeigen, dass BMW viel mehr ist – das ist ein Paradigmenwechsel  
im Marketing von Premiummarken. (…) Es geht mitnichten darum,  
möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine  
langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch um die  
Reputation der Marke BMW“.

Diese Image-Kampagne ist keinesfalls einzigartig. Im Mai 2011 hatte  
Audi mit dem „Urban Future Award“ und der „Urban Future  
Initiative“ in Architekturkonzepte investiert. In Kooperation mit dem  
New Museum in New York sollten in Workshops und  
Diskussionsveranstaltungen Konzepte der neuen Mobilität und  
Stadtentwicklung entworfen werden. VW kooperiert mit dem Museum of  
Modern Art und will im Rahmen der Kampagne „Think Blue“ mit den MoMA-
Leuten Nachhaltigkeitsprojekte entwickeln.
Und wie sich private Autokonzerne die öffentliche Stadtplanung von  
morgen vorstellen, dürfte auf der Hand liegen.

Zustande gekommen ist der Deal zwischen BMW und Guggenheim, indem das  
Museum in New York eine Werbe-Ausstellung mit BMW-Designs zeigte und  
der Konzern nun im Gegenzug diese „Experiental branding strategy“  
finanziert.

Eine Mehrheit der Anwohnerinnen und Anwohner im Wrangelkiez hat diesen  
weiteren Baustein zur Gentrifizierung abgelehnt, wie wir in vielen  
Gesprächen feststellen konnten und wie es auch auf der ersten Werbe-
Veranstaltung hier deutlich wurde (siehe http://www.youtube.com/watch?v=WzxMbRx6XN8)
.
Der Protest unterschiedlichster Gruppen und Einzelpersonen, Anwohner,  
Künstler_innen, Gewerbetreibende und Kiez-Institutionen ist vollkommen  
berechtigt. Die in den letzten Tagen zu lesenden, teils haßerfüllten  
Texte, vor allem in der Springer-Presse, offenbaren uns (wieder  
einmal) den lobbyistischen und asozialen Charakter einiger  
„Journalisten“. Wir haben allerdings auch die durchaus ausgewogene  
Berichterstattung in anderen Blättern wahrgenommen.

BMW und Guggenheim hatten ein paar Leute aus einem Künstler-Verein in  
der Cuvrystrasse eingekauft, Franz Schulz hatte denen Kontakte mit  
Basis-Initiativen vermittelt. Nachdem Aktivist_innen diese Initiativen  
über den wahren Charakter dieses Reklame-Wanderzirkus faktisch  
aufgeklärt hatten, haben diese die Zusammenarbeit mit dem „Lab“  
gekündigt und erklärt, sie würden sich nun den Protesten dagegen  
anschließen.

Selbst der ursprünglich vorgesehene Bauleiter, also derjenige, der  
für den bautechnischen Auf- und Abbau zuständig sein sollte, lehnte  
den Auftrag ab mit der Begründung, er wohne selbst in Kreuzberg und  
wolle so ein Scheiß nicht unterstützen.

Verschiedenste Gruppen hatten sich darauf verständigt, aus dieser  
Image-Veranstaltung eine Image-Schädigungs-Veranstaltung mit vielerlei  
Aktionen zu machen. Nicht weit vom geplanten Lab-Gelände entfernt in  
der Köpenicker Strasse betrieb BMW von 1941 bis 1944 eines ihrer  
Zwangsarbeiterlager (Quelle: Kreuzbergmuseum), aktuell befindet sich  
der Konzern in Auseinandersetzungen mit der IG Metall wegen der  
massenhaften ungerechten Behandlung von Leiharbeitern. Den  
Herrschaften war über ihre Kontakte klar, daß (u.a) dies Themen des  
Protestes sein würden. Sie wussten wohl auch, daß wir die  
Machenschaften der Familie Quandt, dem größten Anteilseigner von BMW,  
thematisieren würden. Die jetzige Absage ist für uns deshalb ein  
weiterer Beleg dafür, daß es von Anfang an nicht um „kritische  
Diskussionen“ ging, sondern schlicht und ergreifend um Werbung.

Begrüßt wurde die Absage nicht nur im Wrangelkiez, auch auf  
Nachbarschaftsblogs New Yorker Aktivist_innen (auch dort gab es  
Proteste gegen das „Lab“), von wohnungspolitischen Gruppen,  
Mietrechts-Aktivist_innen und Künstler-Gruppen, sogar in Mainstream-
Blättern (s. Kommentar von J. Augstein im Spiegel: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822972,00.html
).

Berichte über die „Lab“-Veranstaltung in New York belegen, daß  
diese angebliche „Denkfabrik“ nur hohle Sprechblasen zu bieten hat.  
Ihre Legitimation versuchen sie durch den Einkauf lokaler Initiativen  
zu erreichen. Dies soll dieser Werbe-Nummer einen authentischen  
Anstrich geben. 10% der Bevölkerung im Wrangelkiez sind in den letzten  
Jahren bereits Verdrängungsprozessen zum Opfer gefallen, besonders  
betroffen sind Immigrant_innen, die ohnehin einer massiven  
Diskriminierung auf dem „Wohnungsmarkt“ ausgesetzt sind. Kreuzberg  
führt mittlerweile berlinweit die Liste der Teuerungsrate bei  
Neuvermietungen an, in der Wrangelstrasse gibt es bereits Häuser, bei  
denen die Quadratmeter-Preise auf dem Niveau von Immobilien Unter den  
Linden sind. Die Wohnmieten (z. B. rund um den Görlitzer Park) sind in  
den letzten Jahren um bis zu 30% gestiegen, die Gewerbemieten (z. B.  
in der Falckensteinstrasse) kletterten um bis zu 400%.
Wir halten es für eine perfide „Strategie“, daß die betroffene  
Bevölkerung auch noch selbst an Aufwertungs- und damit  
Verdrängungsprojekten mitarbeiten soll. Die Empörung darüber ist  
groß, die Proteste waren und werden auch in Zukunft nichtintegrierbar-
vehement sein. Deshalb ist anzunehmen, daß das Lab auch an einem  
anderen Ort innerhalb Berlins auf Widerstand stoßen wird. Übrigens  
hat das Lab auch andernorts, wo es in Berlin nach einem  
Veranstaltungsort suchte, eine Spur der Unmut hinterlassen, so in der  
Kastanienallee und am Pfefferberg: http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/alltag/_/kastanienallee-bekommt-guggenheim-museum-17221.html
http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/politik/_/burohaus-plane-am-pfefferberg-verargern-anwoh-17597.html

Wir haben den sog. „Bankenskandal“ und seine Mechanismen nicht  
vergessen. Wir kennen seit Jahrzehnten die politischen Bau-Mafia-
Strukturen in dieser Stadt. Wir erinnern uns, daß die politisch  
Verantwortlichen erst durch ein Volksbegehren dazu gezwungen werden  
mussten, Verträge zur Privatisierung des Berliner Wassers  
offenzulegen. Als die dann offenlagen, wurde klar, warum sie  
ursprünglich geheim waren. Für die einfache Bevölkerung hatten sie  
nur negative Konsequenzen, den „Geschäftspartnern“ wurde der  
Reibach darin garantiert.
Politiker_innen von SPD, CDU und den Oliv-Grünen haben nun ihr  
„Bedauern“ über die Absage der Werbe-Veranstaltung in Kreuzberg  
erklärt. Wir halten das für sehr passend, sind es doch meist  
dieselben Leute, die politisch für steigende Mieten und  
Verdrängungsprozesse verantwortlich sind. Das Ausmaß, mit dem sie  
sich nun einer anderen Form von BMW-Werbeclip anbiedern, zeigt ihren  
wahren Charakter jenseits von Wahlkampf-Geschwätz. Sie hatten das  
schon deutlich gemacht, indem sie den eindeutigen Kreuzberger  
Bürgerentscheid zur Bebauung des Spreeufers faktisch ignorierten. Die  
derzeit laufende Hetze gegen die legitimen Proteste der Bevölkerung  
macht diese Verachtung gegenüber den Bedürfnissen der Mehrheit der  
Anwohner_innen zusätzlich deutlich.

Ein weiteres Beispiel herrschender „Wohnungspolitik“ befindet sich  
schräg gegenüber der Cuvry-Brache in der Schlesischen Str. 25 (s.  
GSW23). Dieses Haus befand sich ursprünglich in landeseigenem Besitz,  
wurde dann an die GSW verschenkt und diese hat es nach ihrer  
Privatisierung systematisch entmietet und dann an Privatspekulanten  
verscherbelt, die nun dort mit Eigentumswohnungen Profit  
herausschlagen wollen. Als Anwohner_innen letztes Jahr einige der 33  
leerstehenden Wohnungen dort besetzten (wofür es große Sympathie in  
der Umgebung gab) fiel der Politik nur das ein, was ihnen immer  
einfällt, wenn die Mittel der strukturellen Gewalt nicht mehr  
funktionieren: Sie ließen mit einem ziemlich brutalen Bulleneinsatz  
räumen (siehe https://www.youtube.com/watch?v=Lv5gVO2IK0I) Diese  
„Politik“ ist kein Einzelfall, sondern eher die Regel. Und von  
Leuten, die die Bombardierung anderer Länder befürworten und mit-
betreiben, müssen wir uns nichts über Gewalt erzählen lassen.  
Genausowenig wie von Sprechern eines Konzernes dessen Reichtum sich  
auf Rüstungsproduktion in zwei Weltkriegen und der Ausbeutung von  
Sklavenarbeiter_innen gründet.

„Kreuzberg ist wahrscheinlich der internationalste Stadtteil  
Deutschlands, wahrscheinlich der Stadtteil der Deutschland am meisten  
ein Weltgefühl gibt , der Berlin zur Weltstadt macht.“ Dieses Zitat  
stammt nicht von uns, sondern von Tim Renner, Chairman der Universal  
Holding GmbH, ansässig an der Oberbaumbrücke.
Kreuzberg ist ein Ort, in dem Menschen vieler verschiedener  
Nationalitäten tolerant zusammen leben, in den (speziell auch im  
Wrangelkiez) täglich Tausende von Menschen aus aller Herren Länder  
kommen.
Wir könnten jetzt hier viel über eine jahrzehntelange Geschichte  
dieser „Kreuzberger Art“ reden, meinen aber, daß gar nicht nötig  
zu haben. Nur soviel: Es gibt tatsächlich intolerante Einstellungen  
hier. Sie gelten Faschisten, Rassisten und Spekulanten. Das ist, was  
Politiker_innen in ihren verlogenen Sonntagsreden „Zivilcourage“  
nennen.

Die Arbeit vieler wohnungspolitischer Gruppen in dieser Stadt, die  
Mieten-Stop-Demo letztes Jahr mit Tausenden von Teilnehmer_innen,  
unzählige lokale Aktionen und Initiativen haben die Wohnungspolitik  
mittlerweile zu einem stadtweiten Thema gemacht, das von der  
herrschenden Politik lange Zeit kleingeredet wurde. Solange die  
Verhältnisse und Entwicklungen so sind, wie sie derzeit sind, wird es  
weiterhin notwendig sein, der neoliberalen Verwertungsstrategie etwas  
entgegenzusetzen.
Mitte Juni wird es beispielsweise eine Jahrestagung der  
Immobilienwirtschaft in einem Luxus-Hotel geben, auf der  
Profitstrategien besprochen werden sollen. Anschließend möchten sich  
die Spekulanten im kulturell-gastronomischen Ambiente amüsieren. Wir  
werden auch da sein!

Post scriptum: Für die Schließung der Guggenheim-Dependance Unter den  
Linden sind wir übrigens nicht verantwortlich. Das waren Nadelstreifen-
Träger, die das mit einer Unterschrift besiegelten und gegen die von  
Politik und rechter Journaille (natürlich) nicht gehetzt wurde.
Und wer in den letzten Tagen Gewalt sehen wollte, konnte dies bei der  
Räumung des Kunstprojektes Tacheles beobachten, als Uniformierte  
gewaltsam gegen Künstler_innen vorgingen.

wrangelkiez@riseup.net